Wir proben Kaspar.

Ein Manifest.

 

Wolfgang Keuter steht vor einem Schriftzug: Traum.

Heute mache ich einen großen Sprung von damals ins Jetzt, in diese Erzählung. Sie beansprucht Raum und Zeit von dir.

Meine bisherigen Erzählungen wurden unterbrochen, durch den Umzug unserer Arbeits-und Übungsräume innerhalb von Düsseldorf, vom Pavillon Lacomblet, das abgerissen wird, zum Campus Golzheim. Sie wurden auch unterbrochen durch die parallel dazu laufenden Proben unseres neuen Stückes: KASPAR nach P. Handke.

Genau davon soll heute die Rede sein.

Dieses Stück und seine Figuren stellen eine Menge Fragen. In Kürze zeigen wir wie viele Fragen wir lösen konnten, auf unserer neuen Bühne, unter dem Motto: Soweit sind wir gekommen.

Als ich vor Beginn der Proben die von Kaspar ständig gestellte eine Frage meditiere, erreichen mich die Worte: Der Sinn des Sinnlosen / Das Ur-Gemeinsame ist nur / dem Einsamen bewusst. Längst vergessen, Gedanken von Herakles. Auf einmal sind sie da und bauen eine Brücke ins Kaspar Thema. Sie führen in eine Tiefe mit der ich nicht gerechnet habe und aktivieren mein kollektives Unbewusstes.

Von einem Theatermann werde ich nach dem ersten Probentag gefragt: Warum beschäftigst du dich ausgerechnet mit Kaspar, eine absurde Idee, der ist doch längst überholt. Es gibt doch so viele gute Stücke? Schon zu diesem Zeitpunkt hätte ich antworten können, dass ich das Stück am liebsten in einem Zendo zeigen würde, auf heiligem Boden. Die Frage klang abfällig. Statt zu antworten, übe ich das Schweigen.

Die Figur Kasper zeigt in diesem Doppelportrait strake Mimink. Das Gesicht ist wie ein Comic geschminkt. Er trägt einen silbernen Hut

Warum Kaspar?

Es ist der geheimnisvolle Satz den Kaspar immerzu wiederholt. Er spricht mich an. Darin erlebe ich das Geheimnis mystischer Tiefe. Ein geeignetes Thema für den Verein Theaterlabor Traumgesicht. Darum biete ich es dem Vorstand an. Interresant auch die Frage in welchem Verhältnis die Einsager zu Kaspar stehen und er zu ihnen? Welche Motivation haben sie als Figuren, mit ihm so umzugehen wie Handke es wünscht, und WER ist Kaspar?

Da kribbelt Detektivenergie. Das gesamte Thema hat Bezug zur Realität. Kaspars gibt es nicht wenige, vielleicht war auch ich einer von ihnen. Die Einsager erinnern mich an alle die Superklugen, die durch unzählige Worthülsen sich wichtig machen. Wörter! Wörter. Wörte ohne Ende. Das Ensemble assossiziert ähnlich wie ich und bald sind wir in spannendem Probengeschehen. Unsere Assoziationen wollen nun physikalisiert werden. In ihren unzähligen Richtungen bringen sie uns auf Suchwege und verleihen den Improvisationen mit Geduld und Ausdrucksfreude Darleibung (Graf Dürckheim).

Auf den Spuren des absurden Theaters, habe ich früh zu den Nô-Spielen gefunden. Damals war ich mit der Frage beschäftigt wie ich mein Medium Theater in initiatisches Schauspiel umwandeln kann. Der erste Schritt dahin führte über die Langsamkeit, in Bewegungsabläufe auf der Grenze zwischen Bewegung und Nicht-Bewegung, von Zen inspiriert. Als ich mit dieser Art Ausdruck experimentiere,  kommt durch eine Einladung von Graf Dürckheim, das Nô-Theater auf mich zu. Ich erlebe es mit ihm in Zürich als Gastspiel der Kanze-Schule aus Tokio, erlebe als Zuschauer eine Verwunderung nach der anderen. Bis heute sind sie frisch wie in ihrer Ursprungssituation.

Nô-Theater ist für mich absurdes Theater

Für das Nô empfinde ich Verehrung und Verwandtschaft. Ich bewundere seinen Dienst am Göttlichen durch Kunst, durchwirkt von schamanisch-magischen Beschwörungshandlungen, im Bemühen negative transzendente Kräfte zu wandeln. Alles geschieht in langsamen Bewegungsabläufen und Schreitfiguren, in strenger Gestaltgebung und mit Treue zu jahrhundertalten, von Generation zu Generation vererbten Ausdrucksübungen. Höhepunkt ist der Nô-Tanz. Wir erleben im Nô Schaukunst. Sie ist angeschlossen an die uralten Wurzeln zeremonieller Spiel-Rituale. Sie sind wirkendes Vorbild in ihrem Übermaß an künstlerisch-überpersönlicher Bewusstheit, durch ihr Können und Künden. Das ist wohl einmalig in der Welt des Theaters. Das Nô-Theater ist für mich absurdes Theater wie es sein sollte.

Kaspars Schicksal

Verwandtschaft mit dem absurden europäischen Theater und seiner Vertreter gibt es für mich kaum. Zu nennen sind:  Artaud, Jarry, Pinter, Ionesco, Beckett … warum auch? Sie alle zeigen eine sinnentleerte Welt, lassen ihre Figuren darin allein zurück, ohne Orientierung. Ihre Figuren verändern sich nicht. Für sie ist keine Wandlung vorgesehen und für die Welt auch nicht. Keine Entwicklung mehr. Stillstand. Wir wissen, das auch uns das erreichen kann, wenn wir unsere Präsenz hinsichtlich des Weltgeschehens und unseres eigenen Geschehens aufgeben. Auf der Bühne müsste es darum nicht gezeigt werden, ohne Lösungsangebote. Im Nô-Spiel aber geht es um Wandlung. Immer da wo existentielle menschliche Grenzen erreicht werden.

Ob Handke für Kaspar Erlösung vorgesehen hat, wissen wir nicht. Denn wir sind noch nicht am Schluss des Stücks angelangt. Erste Ahnung für diese Möglichkeit vermittelt mir Kaspars ständig gesagter Satz:

Ich möchte einer sein, wie einmal ein anderer gewesen ist.

Was an Wissen über die augenblickliche Situation unserer Proben hinausgeht muss vergessen werden. Denn intellektuelle Annäherung, hier wie an jedes künstlerische Werk, erlebe ich nicht fruchtbar. Wir wollen Kaspars Schicksal und die Motive der Einsager Schritt für Schritt erfahren durch Verkörperung. Nur so finden wir in die Wahrheit. Um rationale Nachvollziehbarkeit geht es mir auch hier nicht.

Die Wahrheit ist absurd

Das Ensemble hat Verständnis für meine Vorgehensweise. Es geht offen mit, neugierig, eigenschöpferisch in vielen Bereichen. Manche Erschöpfung, privatpersönliche Misslichkeiten und Wünsche werden bei den Proben durch Spiel und Aussprache transzendiert. Wir sind ein Ensemble mit Mut, sich diesem unmöglichen Stück und meiner – manchmal sich widersprechend erscheinenden – Führung hinzugeben.

KASPAR

WER er ist, wissen wir noch nicht. WOHER er kommt, WOHIN seine Entwicklung geht auch nicht. Wir sind noch am Anfang des Weges zu ihm und seinen einsagenden Begleitern. Seine verlorene Biografie ist ein Motiv, das schon in alten Mythen beschrieben wird. Vielleicht wurde Kaspar die göttliche Wunde die Menschen zu anderen Menschen umformt, zugefügt. Ich kenne Menschen die von ihr gezeichnet sind. Sie wissen es und haben der Umformung nachgegeben. Wer diese Aus-Zeichnung erfährt und sie lebt, dem erschließt sich schamanisches Heilwissen durch Kunst seelenheilkundlerisch wirksam zu sein, dem erschließt sich intuitives Wissen und die Erkenntnis was die Welt  im Innersten zusammenhält. Gehört Kaspar zu ihnen?

Traumatisierte Menschen sind manchmal von der göttlichen Wunde gezeichnet, ohne es zu wissen. Ihr Ursprung darf nicht nur in Situationen der persönlichen Biografie gesucht werden. Transpersonale Mächte und Kräfte sind mit ihm Spiel. Sie möchten dauerhaften Dialog durch Kunst, Spiel und Ritual. Leben gelingt nur im treuen Kontakt mit diesen Kräften. Dann erfährt die göttliche Wunde Wandlung und wird zu einem, das große LEBEN schenkenden Gefäß.

Womit du nicht fertig wirst, damit solltest du spielen, P. Handke.

Koan

Kann sein, das Kaspar aus der Lethe trinken musste weil er zu den tief Verwundeten gehört. Kann sein, dass Kaspar über den Fluss des Vergessens hinüber musste, in die Anderwelt. Sein biografisches Leben hat er auf dieser Reise verloren, um das andere Leben zu gewinnen.

…wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen, Lukas 9: 24.

Meinetwegen meint für mich auch den eigenen inneren Wesenskern. Sein Verlust geschieht meistens unbewusst. Die Sehnsucht nach ihm bleibt, gibt niemals Ruhe. Sie wird oft woanders gesucht und der Wesenskern verfehlt.

Ich möchte einer sein, wie einmal ein anderer gewesen ist.

Kaspar wiederholt, einem Koan ähnlich, seinen einzigen Satz. Er klingt wie Beschwörung, wie ein Gebet, magisch. Mehr als diesen Satz kennt er jetzt noch nicht, da wo wir mit den Proben angekommen sind. Für mich spricht aus ihm ewige Suche, vom kollektiven Unbewussten konstelliert. Er wiederholt diese Worte immerzu. Im mittelalterlichen Exerzitium der Ruminatio, in Klöstern wird sie noch heute geübt, wiederkäuendes sprechen bestimmter Sätze

Magisches Denken und Handeln ist verpönt, sollte doch überwunden sein! Was aber wären Kunst und Heilung ohne sie?

… der Mensch der Zukunft wird ein mystischer sein oder er wird nicht sein.

Kaspar sagt diese Worte bis sie zerfallen. Zerstückelung die sinnvoll sein kann, vorläufige Sprache, der ins Heilsame sich wandelnden Seele?

Die andere Dimension

Unser Spielstil sollte der anderen Dimension Zeit und Raum geben, damit sie auf der Bühne spürbar und sichtbar wird. Z. B: durch Langsamkeit und Stopps, durch raumschöpfendes Innehalten und Wahrnehmen. Wir üben kontemplative Aufmerksamkeit, mit der wir unsere AusdrucksRituale mit und um Kaspar zelebrieren. Bewegung und Sprache sind atemrhythmisch ans Zwerchfell angebunden. Von der so durchlässig werdenden Körpermitte aus könnten sie feierliche Ausstrahlung bewirken, wie in frühen Mysterienspielen. Mit diesem Kaspar-Ensemble  ist es  möglich, das jedes unserer Ausdrucksrituale – die Präsenz ist geschult – Mikrokosmos enthält, das in sich das ganze Universum umfasst.

Die Atmosphäre ins Größere erlebe ich bei diesen Proben in den ritualisierten Begegnungen und Interaktionen, wenn alles Individualistische sich transzendiert.

Ich möchte einer sein, wie einmal ein anderer gewesen ist.

Ob Handke der metphysische Kern seines Stückes bewusst ist? Möglicherweise führt er uns hinters Licht, will unseren Geist auf seinen Hintergrund prüfen. So wie es die Zen-Meister tun, wenn sie den Schülern ein Koan aufgeben. Ob wir das Kaspar-Koan lösen? Ist denn dieser Andere von dem Kaspar immerzu spricht ein Vorbild, vielleicht aus seiner früheren Außenwelt? Oder ist dieser Andere, dass ihm mitgegebene individuelle Inbild, nach dessen Verwirklichung er sich sehnt, und das er immerzu anruft? Fragen werden durch Handeln ergründet
(
L. Moreno). Die Wahrheit der Seele zeigt sich so wesentlich beredter, in und durch Körpersprache, als im verbalen Ausdruck. Zeige es mir, sagt der Zen-Meister, rede nicht darüber! Bei der Beachtung dieser Spielregel erscheint Wahrheit die mit Worten nicht wieder zu geben ist, sie gibt reichlich Spiel- und Lebensraum, um sie zu verkörpern.

Das Gezeigte darf auch schräg, banal, albern, komisch erscheinen. Warum nicht? Manchmal ist es erschütternd, manchmal führt es ins schallende Lachen. Frustrierende Wirkung hat das nur-psychologische, rationale, aus intellektuellem Wissen kommende. Das ist bei uns selten geworden.

Die Einsager

Auf der Bühne steht vorne links eine Frau- sie hält die Hände vors Gesicht und trägt ein Paillettenkleid. Hinten rechts sitzt Kaspar und staunt.

Überall Wörter, viele, viele Wörter, Wörter, Wörter, Wörter, die Ohren lassen sich nicht verschließen, Worthülsen dringen ein, ohne Ende. Manchmal möchten die Ohren, das wir sie verschließen. Die Flut der vielen Wörter kann manches Gemüt gefährden. Stille und Schweigen fehlen. Wörter ohne Zahl, nicht angebunden ans Zwerchfell und die Körpermitte, substanzlos, voller Allgemeinplätze und Vorurteile, intellektuelle Spitzfindigkeiten – werden schnell zu Sprachfoltern.
Die Einsager richten in absurden Situationen absurde Worte an Kaspar. Wie erlebt Kaspar die Berührung mit den Einsagern und wie zeigt er sie? Debil, starr, ängstlich, erfreut, clownesk, kindlich, durch Nähe oder Distanz, sind die Einsager real  oder Traumbilder? Grundsätzlich, die Suche nach selbstredenden Szenen, oft verworfen, neu gestaltet, umgeformt, wieder aufgebaut … selbstverständliches Handeln in einem Theater-Labor, das auf dem Weg ist zum TraumGesicht.

Schließlich können die Figuren, ihre Handlungen und Bühnenwege, ihre Körpersprache und Interaktionen, ihre Mimik und Stimme nur überzeugen, wenn sie sich aus unserem gemeinsamen Ensemble-Unbewussten heraus formen, und mit künstlerischer Intelligenz reflektiert werden.

Soweit sind wir gekommen

Unter dieser Devise zeigen wir das Theaterstück Kaspar in Staffeln. Diese Vorgehensweise ist ungewohnt. Annahme und Wirkung dieses Experimentes muten wir uns und unseren Zuschauern zu. Wir sind neugierig, wie es ankommt. Wir wollen nicht nur literarische Konzepte erfüllen, das Konzept sind auch wir Selbst. Auf der Bühne und außerhalb von ihr, Selbst bewusst. Von Anfang an spielen unsere Erfahrungen, Assoziationen und ihre künstlerische Gestaltung die wesentliche Rolle. Weil das so ist, erscheinen die Szenen eines Stückes aus anderen Blickwinkeln, als aus denen des Dichters.

Die leere neue Bühne

Sie ist fast fertig – die Bühne, der wir die Welt bedeuten.

Kaspar – offene Probe

Beteiligt an unseren Aufführungen sind auch die Zuschauer. Sie teilen uns nach einer Aufführung im Gespräch oder auf Fragebögen ihre Eindrücke und Assoziationen mit. Diese Rückmeldungen sind uns wertvoll. In den folgenden Staffeln wird das Eine oder Andere daraus vielleicht integriert.

Die erste Staffel zeigen wir am 8. Dezember 2018, auf unserer neuen Bühne auf dem Campus Golzheim A-Trakt, Josef-Gockeln-Strasse 9.
Hier geht es zur Kartenreservierung.

Du und deine Freunde*Innen sind herzlich willkommen.
Mit Gruß. Wolfgang.
Düsseldorf, 17. 11. 2018

 

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