Staunen, Stopp und Stille

Wolfgang Keuter steht vor einem großen schwarz-weiß Bild am Stehpult und erzählt über Slow Acting

Einblick in meine Methode Slow Acting

Am Samstag, den 16. Juni habe ich einem kleinen Kreis interessierter Zuhörer*Innen Einblick gegeben in meine Methode Slow Acting, am Beispiel: Atem – Stimme / Schauspiel / aktives Imaginieren.

Auf der Bühne des schönen Theaterraumes des TheaterLabor Traumgesicht e. V. erwartet uns ein festlicher Seidenkimono aus der Werkstatt von Gianni Sarto. Mit einem Scheinwerfer ins rechte Licht gesetzt, thront er auf einem kostbaren japanischen Ständer aus schwarzem Lack. Rundherum eine angenehme, fast feierliche Athmosphäre!

Eine Premiere. Denn zum ersten Mal lese ich aus meinem Buch, das im Werden und noch ohne Titel ist.
Seit meiner Kindheit, vermutlich wegen einer Lernschwäche im rationalen Denken, habe ich ohne es schon zu wissen, dieses Defizit kompensiert durch das Denken in Bildern. Dieser Fähigkeit verdanke ich viel. Als Schauspieler war die Integration von Imagination und Verkörperung mein tägliches Handwerk. Mit Hilfe von geführten Imaginationen konnte ich im leeren Bühnenraum Welten erschaffen und auf meiner inneren Bühne die darzustellende Bühnenfigur erscheinen lassen. Sie wird zum Vor-Bild seiner Physikalisierung. Meine Darstellung bekommt   Beseelung.

Als Schauspiellehrer und Coach entwickle ich das schöpferische Zusammenspiel von aktiver Imagination, zen-buddhistischen Exerzitien und dem Psychodrama. Meine EinzelCoachings werden besucht von sehr unterschiedlichen Menschen mit sehr unterschiedlchen Anliegen. Mein Beruf gibt mir täglich dankbaren Anlaß zum Staunen, zu Stopp und Stille. Von diesem Geschenk, das mir mein Leben fortwährend gibt, gebe ich gerne an Andere weiter, mit dem Format Einblick geben 

Das Beispiel Christa

Christa hat ihren Beruf als Buchhändlerin aufgegeben. Sie möchte wegen ihres flachen Atems und wegen häufiger Heiserkeit die atemrhythmische Phonation kennenlernen. Sie hat bereits andere Atemschulen schon erfahren.
Die atemrhythmische Phonation mit der Beckenbodenatmung spricht sie sehr an. Sie erzählt, dass sie diese Atemübungen tiefgehend erlebt und vitalisierend.

Immer wenn ich unsicher werde atme ich neuerdings so, dann wirke ich ganz anders und kann besser bei mir bleiben.

Christa hat umgeschult und ist nun Yogalehrerin und Heilpraktikerin. Beide Berufe möchte sie so bald wie möglich ausüben.

Du glaubst gar nicht wie sehr ich mich danach sehne.

Auf meine Frage was sie hindert das zu tun reagiert sie überraschend emotional, mit Tränen der Verzweiflung. Sie kann darüber nicht sprechen und schlägt vor, dass wir uns doch wieder den Atem- und Sprechübungen zuwenden sollen.
Vor einigen Coachings haben wir uns darauf geeinigt, dass wir zur atemrhythmischen Phonation das Rollenstudium mit einbeziehen. Denn der gesamte Organismus, der seelischgeistige und der leibkörperliche, werden dadurch  intensiver erlebt und belebt.

Aber ihr Herz will zurück in die Heimat

Christa hat die Rolle der Iphigenie auf Tauris gewählt, ein Stück von Euripides, das Goethe bearbeitet hat. Sie fühlt sich mit dieser Figur verwandt. In ihr steckt ja auch eine so tiefe und schmerzliche Sehnsucht nach Heimat, sagt Christa. Wo sie ihre eigene Heimat sieht, auch darüber kann sie nicht sprechen.
In dem Drama hat Iphigenie eine klassische Wahl zu treffen zwischen Pflicht und Neigung. Viele göttliche und menschliche Pflichten binden sie an ihre Aufgabe in der Fremde. Aber ihr Herz, ihre Sehnsucht will zurück in die Heimat. In diesem Konflikt muss sie sich bewähren.

Die Iphigenie Goethes ist, anders als die antike Vorlage, kein Handlungsdrama, sondern ein modernes Charakterstück, das sich ganz auf die inneren Vorgänge konzentriert. – Nach den Regeln der klassischen Dramenkunst wird ein Konflikt entfaltet, zugespitzt und schließlich gelöst. – Bei Goethe endet das Drame im Gegensatz zur Tragödie des antiken Dichters versöhnlich. Welche Erfahrungen warten wohl auf Christa bei den Übungen und während der Identifikation mit Iphigenie? Christa beginnt heute mit einer Textstelle ihrer Wahl:
Heraus in eure Schatten, rege Wipfel / Des alten, heil’gen, dichtbelaubten Haines. Wie in der Göttin stilles Heiligtum / Tret ich noch jetzt mit schauderndem Gefühl / Als wenn ich sie zum ersten Mal beträte / Und es gewöhnt sich nicht mein Geist hierher. Als Christa das entsprechende Gefühl erfährt, das Iphigenie überfällt weil sie das Heimweh kaum noch aushalten kann, sagt sie:

Ich erlebe diese quälende Stimmung in der letzten Zeit oft. Ich falle immer wieder in ein tiefes Loch. Irgendetwas quält mich und ich kann nichts dagegen tun. Oder kann ich doch was dagegen tun?

Ich sage ja und empfehle ihr die Augen zu schließen und abzuwarten ob sie ein Bild bekommt für das tiefe Loch, das sie eben erwähnte. Christa schweigt lange, dann stellt sich ein inneres Bild ein.

Dialog

Sie beschreibt es: Ich sehe mich zusammengekauert vor einer Wand. Ich bin unfähig etwa anderes zu tun als das.
W: Bitte bleib bei dem Bild und warte ab was geschieht.
Chr: Ich könnte mal schauen ob ich eine Türe oder ein Fenster entdecke. Trotz intensiven inneren Schauens und Tastens findet sie keine Öffnung. Sie erlebt starke Beklemmung. Ich ermutige sie die Wand vor der sie kauert, genau zu untersuchen. Nach einer Weile findet sie in einer Ecke einen Hammer und eine Meißel.
Chr: Handwerker haben das Zeug wohl liegengelassen und vergessen.
W: Verspürst du beim Anblick dieser Werkzeuge in dir einen Impuls?
Chr: Ja, ich will versuchen ein Loch in die Mauer zu hauen. Mit starker emotionaler Beteiligung versucht sie das und jeden Hammerschlag begleitet sie mit kräftigem Stöhnen.
Chr. Das ist eine so verflixt harte Materie, da komme ich nie durch.
W: Möchtest du denn durch die Mauer kommen?
Chr. Ja unbedingt, ich muss es versuchen. Nach einigen Minuten gelingt es ihr ein kleines Loch in die Wand zu schlagen und hindurch zu schauen.
W: Kannst du erkennen was hinter der Mauer ist?
Chr: Das Wohnzimmer in meinem Haus. Mein Mann sitzt darin.
W: Ist dir das angenehm?

Die schwindende Mauer

Portrait einer jungen Frau mit blonden Haaren und geschlossenen Augen.

Chr: Nein, der soll da raus, unbedingt.
W: Bitte sage es ihm. An dieser Stelle unterbricht Christa das aktive Imaginieren. Sie erzählt, dass sie seit langem das gemeinsame Wohnzimmer umräumen möchte um darin Yoga und ihre Heilpraxis einzurichten. Bisher hat sich ihr Mann Heinz vehement und eiskalt gegen diesen Plan gewehrt.
Chr: Es hat sich eine Mauer gebildet zwischen ihm und mir und ich weiß nicht wie es weitergehen kann.
W: Vielleicht ist das Loch in der Wand ja ein erster kleiner Durchbruch zur Lösung? Christa zuckt resignierend mit den Schultern. Sie thematisiert zu Hause erneut ihren Wunsch, erfährt jedoch wieder ein hartes Nein von Heinz.

In den folgenden Coachings vergrößert Christa das Loch in der Mauer Stück für Stück. Dieser Vorgang begeistert sie. In ihr ist Selbstbewusstsein gewachsen und Durchsetzungskraft. Die schwindende Mauer zeigt das deutlich. Dann ist endlich die Mauer weg. Sie betritt auf der inneren Bildebene das Wohnzimmer.
Chr: Heinz ist nicht da.
W: Und nun, was jetzt? Bitte bleib bei dem Bild und warte ab was geschieht.
Chr. Ich fange an das Wohnzimmer auszuräumen und meinen Praxisraum einzurichten.

Übereinstimmung mit der Wahrheit des Augenblicks

Christa hat Fortschritte gemacht im Umgang mit ihrer Innenwelt durch das aktive Imaginieren. Wie entwickelt sich wohl die Übertragung in die Außenwelt? Wird sich ein Synchronisations-Phänomen ergeben? Christa hat inzwischen zu ihrem ganz eigenen Atemrhythmus gefunden und zum wahren Sitz ihrer Stimme. Eines Tages verabschiedet sie sich aus dem Coaching mit den Worten:
Gleich packe ich das Thema zu Hause nochmal an und wenn sich Heinz meinem Wunsch wieder entgegenstellt schmeiße ich ihn raus, es ist immerhin mein Haus.
Und dann gibt es eine Überraschung. Heinz erzählt nämlich, das er sich in den letzten Tagen auch intensiv mit dem Thema Praxisraum beschäftigt hat. Ihm fällt die Vorstellung die Wand zu opfern schwer, eigentlich möchte er nicht auf das Wohnzimmer verzichten.

Doch dann erfährt sie erstaunt, das Heinz mit der Veränderung einverstanden ist und das er auch einen Wunsch hat. Als Gegenleistung möchte er in der Garage eine Wand entfernen um ein kleines Gewächshaus  anzubauen. Christa ist damit einverstanden und lässt die Wohnzimmerwand in den folgenden Tagen auch in der Außenwelt entfernen.

Inzwischen ist sie im umgebauten Raum erfolgreich als Heilkundlerin in eigener Praxis tätig. Heinz ist auch zufrieden in seinem Gewächshaus.
Christa ist bei der Iphigenie geblieben. Das Rollenstudium und die Atem- und Stimmübungen haben sie gekräftigt, manche Hemmung wurden transzendiert. Die Figur Iphigenie auf unserer schönen Bühne auf dem Campus Golzheim in Düsseldorf zu zeigen ist sie noch nicht bereit. Sie lebt bereits in und aus ihrer inneren Wahrnehmung so, das sie gewiss kein Theater mehr machen muss, sondern in Übereinstimmung mit der Wahrheit des Augenblicks und in Übereinstimmung mit sich selbst, als Person und Rolle, in der angestrebten Ganzheit auf der Bühne vor Zuschauern schon Sein kann.

Dann gibt es Raum für Fragen und Antworten.

Im Anschluß dreißig Minuten Stopp und das Sitzen in der Stille. Statt gegenstandsloser Meditation empfehle ich das aktive Imaginieren. Sie ist eine Weise von Meditation die ich für westliche Menschen geeigneter halte als östliche Meditationsformen. Durch das aktive Imaginieren kann der so lebenswichtige Dialog mit dem schöpferischen Unbewussten geschehen und zur Selbstverständlichkeit werden.

Vor der Stille Vokalgesang mit dem Sonnengeflecht-Vokal O. Denn nach dem Tönen wird die Stille wesentlich intensiver erlebt.

Dann bekommen alle einen Sonnenblumenkern. Mit geschlossenen Augen kann nun jeder imaginieren wie dieser  Kern in der Erde zu wurzeln und zu wachsen beginnt. Dreissig Minuten lang. Die Stille wird als wohltuend erlebt und Substanzhaltig. Es wurde gefragt ob es möglich ist, das Sitzen in der Stille regelmäßig wöchentlich anzubieten.
Einige erzählen gutgestimmt was sich in ihnen auf der inneren Bildebene vom Samen bis zur Blüte ergeben hat.
Meine Imagination zeigt das Wachsen einer kräftigen Sonnenblume in ihrer Hochzeit. Sie wird von vielen Spatzen als Nahrungsquelle besucht. Zuletzt gebe ich den Rat sich mit der Sonnenblume in der ersten Person Gegenwart, zu identifizieren: Ich bin die Sonnenblume… … und das Ergebnis aufzuschreiben.

Freundliche Verabschiedung mit der Gewisseit, das wir uns hier bald wieder begegnen. Mein Dank geht an Gianni Sarto vom TheaterLabor Traumgesicht e.V. Wie immer hat er alles sorgfältig organisiert..

In ca. sechs Wochen wiederhole ich Staunen, Stopp und Stille mit anderen Beispielen aus meiner Methode Slow Acting die ins Staunen bringen, und im Anschluss wieder Stopp und Stille.

Das innere Bild
die Inspiration
das Wort
die Erkenntnis
die Konsequenz
möchten aus der Stille kommen
aus tiefem Schweigen.

Düsseldorf. 22. Juni 20019

 

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