Slow Acting. Gestalt und In-Bild

Ich möchte ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist.

KASPAR sagt diesen Satz, der einem Koan ähnlich ist, in dem gleichnamigen Stück von Handke.
Wir erproben es zurzeit im Ensemble. WER ist dieser Andere? Kaspar selbst der er einmal gewesen ist, ein innerer Anteil, sein Inbild?

Während des Nachsinnens dieser Fragen fällt mir Jens ein der kürzlich erzählt:  durch die regelmäßige Teilnahme an den Workshops habe ich mein Inbild wahrgenommen und teilweise auf der Probebühne sogar verkörpert. Ich habe dadurch gelernt nicht länger der zu sein, den meine Eltern haben wollen. Das ist so geheimnisvoll zu fühlen, das es jemanden gibt, ganz tief in mir, der ich irgendwann mal war. Der ist viel wahrer als ich. An den möchte ich wieder anknüpfen

Britta, im gleichen Workshop erzählt: Die Art und Weise, wie wir hier an Rollen und Texte heran geführt werden, hat ganz viel mit künstlerischer Umsetzung der Gestalttheorie zu tun. Es bereichert mich, wenn ich auf der Bühne als Figur, eigene Anteile unwillkürlich mitgestalte.

Die Begriffe Gestalt und Inbild gehören seit den Achtzigern zu meiner Methode Slow Acting.
Ich sehe sie im Zusammenhang mit der universalen Gesetzlichkeit zur Wandlung. Sie ist in allem was ist enthalten. Davon bekomme ich Ahnung als ich, von innen her genötigt, mich dafür entschließe nichts mehr zu verkörpern  was sich außerhalb von mir befindet.  Denn ich entdecke eine neue Möglichkeit die darzustellende Figur durch innere Vorgänge nach außen zu bringen.  Verbunden mit dem aktiven Imaginieren erfüllen mich bei solchem Ausdruck, manchmal mystische Erfahrungen. Sie bewirken eine deutlich spürbare Wandlung in mir. Ich fühle deutlich, das ich auf einem für mich stimmigen Weg bin.  Beim konventionelle Theater konnte ich nicht länger bleiben. Auf der Suche nach einem anderen Biotop suche ich Graf Dürckheim’s Rat. Von da an bin ich regelmäßig bei seine Workshops in Frankfurt. Sie haben alle ein Thema: Übungen die zur Stille führen, im Stile des Zen. 
Viele Jahre später, mit einem hohen Maß an initiatischen Erfahrungen und Erkenntnissen, ich bin  nun Mitarbeiter von Graf Dürckheim und seiner Lebensgefährtin, der Psychotherapeutin, Maria Hippius in der von ihnen gegründeten Existentialpsychologischen-Bildungs- und Begegnungsstätte, der späteren Schule für initiatische Therapie.
Ich erzähle im Rahmen einer Supervision Graf Dürckheim von der Entwicklung des Schauspiels zu meinem initiatischen Schauspiel. Graf Dürckheim bestätigt:
Unter Gestalt ist die Art und Weise zu verstehen in der das Inbild als drängende Sehnsucht, zu einer bestimmten Lebensgestalt hin, sich auf dem individuellen In-Weg erfüllen möchte

Schauspiel. In-Weg

Wolgan Keuter schaut milde lächelnd in die Kamera und stützt sich mit zwei Fingern nachdenklich die Schläfe.Es ist meine Überzeugung das, vor allen anderen Medien von Slow Acting, Schauspiel die drängende Sehnsucht zu einer bestimmten Lebensgestalt hin, komplex und gestaltgebend fördert. Mit jeder Figur die auf der Bühne physikalisiert wird, sei es eine literarische oder ein eigener innerer Anteil, erfährt die eigene tiefe, innere Lebensgestalt,  im Leib der ich bin,  Formung und Verwirklichung.

Das Schauspiel, so wie es durch Slow Acting ausgeübt wird kann als Weg kontinuierlicher Inkarnation des eigenen Inbildes gesehen werden. Dieser schöpferische Prozess gelingt während der Schauspiel-Schulung durch stetes Üben von Wahrnehmung der Wahrheit des Augenblicks. Die persönliche und die der Figur ist damit gemeint. Diese Wahrnehmung sollte nun mit der existentiellen Frage nach Ausdruck gekoppelt sein.
Das meint: WIE zeige ich das Wahrgenommene mit dem LeibKörper, dem Atem und der Stimme, in den Gebärden und Gehweisen? Wie bringe ich es authentisch in den Ausdruck? In dieser Gestimmtheit erscheint, oft von innerem Ordnungsprinzip geführt, ein Erfüllt Sein, das ausgerichtet ist auf die individuelle Ganzheit.

Slow Acting als Schauspiel verfolgt in und mit jeder Figur, also professionelle Schulung in diese Richtung. Die so entstehende Bühnenfigur zeigt als Gestalt deutlich die Stufe der Verwirklichung des individuellen Inbildes. Auch der Spieler nimmt sie leibhaft und sehr konkret wahr.
Wenn nach geübtem Hergeben, Nachgeben, Zulassen, Geschehen und Gestalten-Lassen alles zu einer Einheit verschmilzt auf der Bühne kann das TraumGesicht erscheinen als Akt der Offenbarung. Unsere Bühne gibt für dieses Mysterium viel Zeit und Raum.   Erfüllt-Sein ist abhängig von der Präsenz in der ein Spieler als Person in seiner Figur und   in der Gesetzlichkeit der Wandlung anwesen ist.

Mysterium

Mysterium, ganz konkret kann es in manchen Momenten erfahren werden, auch als Ich-Selbst-Studium, durch Schauspiel im Stile des Slow Acting. Ein Jeder hat Anspruch auf das verwandelnde Erleben, auf die sich daraus ergebende, ganz besondere Spiel- und Lebensqualität. Unsere Stilmittel zielen auf diese treibende und gestaltende Kraft des Schöpferischen.

Die Leistungsgesellschaft verbannt die mystische Erfahrung ins Unbewusste. Die Sehnsucht nach ihr ist bei vielen geblieben. Das erfahre ich immer öfter in meinen Coachings. Ein hervorragendes Ziel von Slow Acting als Schauspiel ist darum professionelle Begleitung zu geben bei dem Prozess ihrer leibkörperlichen Gestaltwerdung.
In früheren Zeiten und heute noch teilweise im östlichen und orientalischen Theater ist die Bühne ein Raum des Mysteriums. Das Große Geheimnis Menschwerdung inkarniert sich hier. 
Begleitung durch das Schauspielen wird auch da gegeben wo ihre rechtmäßige und charakterstarke Erfüllung geübt weden muss. Auf der Bühne. Und überall da wo jemand gerade ist.

Werde-Gestalt

Im schwarzem Bühnenraum steht links eine Frau mit weißem Kittel und weißem Haarnetz. Vorne rechts steht ein Mann mit grauer Maske und graumen Hut und macht eine starke, rührende Gebärde mit beiden Händen.

Fazit

Mit den Mitteln von Slow Acting wird eine Bühnenfigur gestaltet. Das ist ein dialektisches, seelischgeistiges und leibkörperliches Geschehen. Innerer Freiraum für die eigene innere Werde-Gestalt öffnet sich nun. Das Fühlen, der schöpferische Erregungsprozess, führt in diese Dimension der Tiefe. Durch sie bekommt die gegenwärtige Spiel- und Lebenssituation mehrdimensionalen Sinn. Wird dem Drängen der eigenen personalen Werde-Gestalt, und dem der Werde-Gestalt einer Bühnenfigur  nachgegeben und sind deckungsgleich,  hebt sich die übliche Spaltung auf. Das ergibt die große Chance, das inneres und äußeres Werdegeschehen und bald auch das Ich und das Selbst, Disziplin und Leidenschaft , nicht mehr ent-zweit sondern Eins sind.

Im dialektischen Wechsel von Eindruck und Ausdruck, Person und Figur, Innen und Außen, von Subjektivem und Objektivem geschieht Integration. Sie erschafft im fühlenden Wahrnehmen  Raum-Zeit. Darin enfaltet sich im innen die seelisch-geistiges Gestalt, im außen die Bühnenfigur.

… tief in uns liegt diese schöpferische Kraft, die das zu erschaffen vermag, was sein soll, und nicht ruhen und rasten läßt, bis wir es außer uns oder an uns, auf eine oder die andere Weise dargestellt haben. Goethe

In den von mir geleiteten Weiterbildungsseminaren und GruppenCoachings, durch gemeinschaftliches Erleben und Gestalten durch regelmäßige Rückmeldungen, werden die psychisch-physischen Werde- und Gestaltungsvorgänge gestützt und geschützt. Sie enthalten bewährte Gestaltmodule und –formeln zur stilvollen Verkörperung. Einige haben kultischen  Charakter. Werden sie durch Entwichtigung des Kopfes akzeptiert, können Spiel und Leben, Ich und Selbst, Introversion und Extraversion  zur guten Gestalt zu einander wachsen.

Ersehnte Selbst-Verwirklichung und Selbst-Bestimmung, auf der Bühne und im privaten Alltag, werden in vollgültiger Weise erst erreicht wenn z. B. durch die Grundübungen von Slow Acting, die Wahrnehmung für den Leib, der man ist  (Graf Dürckheim), selbstverständlich wird.
Die Grundübungen sind mit dem Fühlen – vor allen anderen Erlebnisarten – das Zentrum meiner initiatischen Eindrucks- und Ausdruckslehre Slow Acting. Getreu dem Wahlspruch:

Üben. Erfahren. Erkennen. Mutig handeln.

2 Kommentare

  1. Da war ich noch vor ein paar Minuten der Maskenmann und nun lese ich schon diesen tollen Blog von Dir lieber Wolfgang. Ja. Es stimmt. Mit der Übung werde ich zunemend zum Leib der ich bin. Ich durfte es schon oft erfahren. Erkennen kommt nun langsam hinzu. Immer wieder kommen mir Einfälle, die mir erklären, was da eigentlich vor sich und in mir (ab)geht. Das Handeln scheint zum Greifen nah.

    • Ja, Schauspielen in unserer Art und Weise meint ja nicht anderes als auf der Bühne zu LEBEN (bewusst groß geschrieben). Das zielt auf Offenheit zu dem Kind hin, das wir alle einmal waren. Selbstverständlich nicht im psychoanalytischen Sinne sondern im Sinne des Staunens und Träumens dessen was hinter der Welt der Erscheinungen ist. Beide sind ja wichtige Eigenschaften. Unsere Kunst zu WERDEN WER wir WIE in WELCHEM Milieu SEIN sollen kann durch Schau-Spiel zu ahnendem Wissen werden. Die Bühnenkunst wird zur Lebenskust.
      WIE wir leben zeigt sich daran wie das LEBEN uns mit spielt. Ich freue mich sehr, das du mit uns und bei uns bist, – das du mit uns und bei uns einen Teil deines Lebens erkennst und zeigst. Du öffnest dich, gehörst zu den Staunenden und Schöpferischen. Dir in deinem Werden zu zu schauen macht mir große Freude. Mit herzlichem Gruß an dich, Peter, Wolfgang.

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