Da ist ein Fluss in mir

Immer wieder erstaunt es wie Selbstheilungskräfte für Ausgleich sorgen, wenn ihnen Raum und Zeit, Anerkennung und Zuwendung gegeben werden. Zum Beispiel im Zusammenspiel von Übungen aus Slow Acting, mit dem Atem und der Stimme, mit Imagination und leibkörperlicher Wahrnehmung. Oft schon wurde diese Synthese zum Schlüssel für die transzendente Funktion. Vor Kurzem ergab sich dafür wieder prägnantes Zeugnis. Davon möchte ich erzählen:

Zum ersten Mal kommt Rüdiger zur Stimmbildung ins Einzelcoaching, auf Empfehlung seines H.N.O.-Arztes. Ein verschlossener Student, sehr rational, wirkt vertrocknet und misstrauisch. Lustlos, verspannt und einsilbig antwortet er auf Fragen, zuckt manchmal nur mit den Schultern.

Weil er sich so schwer tut mit dem Reden empfehle ich ihm einen kleinen Text vorzulesen. Dabei wird sein stockender Atem deutlich und seine schwache, manchmal stammelnde Stimme. Ich bemerke, dass  Rüdiger sich deswegen schämt und sich noch mehr verspannt. Darum einigen wir uns auf eine kleine Unterbrechung mit der konzentrativen Selbstentspannung.

Wir haben Zeit da wir eine Doppelstunde vereinbart haben.

Langsam gleiten wir von der Versenkungsruhe über zur sanften Stimmübung. Während des Summens ergeben sich, zu seiner Überraschung, innere Bilder und subtile Wahrnehmungen. Ich bitte ihn, sie mir mit zu teilen. Auf einmal, aus dem Raum der Ruhe und Stille, kann Rüdiger flüssig sprechen, sogar erzählen, emotionsgetönt, mit warmer, angenehmer Stimme:

RüdigerMein Atem fühlt sich an wie Wasser, das in einer viel zu engen Betonröhre eingezwängt ist. Mein Atem ist von trüber Farbe, er bleibt an manchen Stellen stecken, denn die Röhre ist mit Abfall verstopft. Mein Atem staut sich da, kann nicht weiter fließen.

Wolfgang:
Bitte bleib bei dem Bild und bei deiner Wahrnehmung, warte ab was geschieht. Es folgen einige Minuten ruhigen Verweilens mit der Einfühlung in den Bauch- und Beckenraum. Immer wieder beginnt Rüdiger von selbst vorsichtig zu Summen.

R: Ein merkwürdiges Gefühl spüre ich in der Brust. Ich kann es nicht einordnen. Es fühlt sich fremd an, ich kann es nicht benennen.

W: Bitte bleibe dabei und schau hin was in deinem Brustraum geschieht. Warte ab bis sich ein Bild einstellt. Nach einer Weile:

R: Der Beton löst sich an einigen Stellen auf. Das Summen säubert die Röhre, fegt den Unrat heraus. Mein Atem wird kräftiger, weiter, fließender und sucht seinen Weg.

Wieder eine Weile im Wechsel von stiller Entspannung, Wahrnehmung und Summen.

R: Ich kann kaum aushalten, was da passiert in mir, ein unglaubliches Fließen und Strömen. Es dröhnt und rauscht durch die Röhre. Sie ist kein Beton mehr, ist organisch geworden, wie Lehm oder Erde. Überall ist es lebendig in mir. Das ist das reinste Leben. Das hat mir wohl immer Angst gemacht, das dröhnende Leben. Es kann mich zerreißen, überschwemmen. Stimmt das?

W: Spüre in deinen Atem und befrage ihn. Nach einer Weile:

R: Wenn ich bewusst bei meinem Atem bleibe kann mir nichts passieren. Mein Atem strömt durch meinen ganzen Körper. Überall ist Atem. Sein Fließen gibt mir Sicherheit und Gewissheit. Dieses Leben, das ich jetzt spüre, will nur mein Bestes.

Weinend erzählt er:

Ich bin so richtig drin in meinem Körper, ein fremdes Gefühl. Endlich. Ich bin unheimlich gerührt, das ich sowas erleben kann. Jetzt ist mein Atem überall, in den Fingern und Füßen, sogar mein Kopf atmet mit. Mein Atem fühlt sich an wie frisches Wasser, das mich durchströmt. Unglaublich, das hätte ich nie für möglich gehalten, so zu atmen.

 Nach einer Weile sagt er lächelnd: Übrigens riecht das Wasser ganz frisch, es schmeckt richtig gut auf meiner Zunge.

W: Bleib dabei und genieße es eine Weile

R: Das ist alles so seltsam. Ich fühle mich durch und durch sauber, überall. Mein Körper fühlt sich an wie getauft, irgendwie heilig, verrückt dass ich so was empfinden kann, verrückt das ich mich getauft erlebe. Wo kommen bloß diese Bilder und Gefühle her? Ich bin wahnsinnig entspannt, und überall wie neu. Ich möchte gerne noch liegen bleiben und die Augen zu halten. Ich freue mich so über meinen neuen Atem, über das was ich jetzt erlebe. Ob diese Freiheit bleibt?

W: Gib dir Zeit und bleibe noch eine Weile eingelebt in deinen Empfindungen.

Einige Einzelcoachings später erzählt er:

Die innere Freiheit ergibt sich immer wieder wenn ich mich in die Übung hineingebe. Es klingt banal, wenn ich den Übungen treu bin ist mir die innere Freiheit auch treu.

Rüdiger erkennt auch die Wichtigkeit des Erinnerns. Jedes Mal wenn er spürt, dass es in ihm eng wird und der Atem droht ins Stocken zu kommen und die Stimme stammelt, er-innert er die Bilder aus dem aktiven Imaginieren und immer, sagt er: haben sie eine positive, befreiende Wirkung.

So, Erläuterungen möchte ich keine geben. Ich möchte ES so lassen. Ich wünsche ein gutes Wochenende.

Wolfgang Keuter.

27.5.2017

3 Kommentare

  1. Gabriela Dierkes

    Das ist wieder eine so schöne Geschichte, lieber Wolfgang. Und es ist so gut für Rüdiger, dass er die Änderung in seinem Körper spürt. Wunderbar.
    Gutes Atmen erzeugt wirklich Wunder.
    Herzlichst
    Gabriela

  2. Hallo Wolfgang! Na, das klingt ja fast zu schön um wahr zu sein. Ich finde immer dass der Schmerz und die Grenze zur Welt die Heilung ermöglichen. Also über Trauer und Wut muss man ja nichts zu sagen – aber was mir beim Lesen des kurzen Einblickes in Eure Stunde aufkam: Das Körpergefühl, das Im-Körper-Sein, das kann Dir keiner nehmen – und es ist sowohl unser Schicksal als auch unser Zuhause! (Ich wünschte ich wäre nahe – und könnte auch mal wieder mit Dir eine Stunde machen!) Liebe Grüße nach Ddorf!

    • Wolfgang Keuter

      Ja, hallo Lennard, ich bin überzeugt, unser LeibKörper ist das Medium, das heilsame Wandlung bewirkt und zur Selbst-Werdung führt. Und für schöpferische Menschen geht es primär ja um die Selbst-Werdung und nur sekundär um die Ich-Werdung. Die Bilder und Symbole des Selbst entstehen wohl in der Tiefe unseres Leibes. Darum sollten wir unsere Aufmerksamkeit vor allem dahin lenken. Du erinnerst dich an die Erkenntnis von Graf Dürckheim, das es vor allem um den Leib geht, der ich bin und nicht so sehr um den Körper, den ich habe. Da beide zusammengehören benutze ich das Wort: LeibKörper. Komm wieder zur Stunde wenn es an der Zeit ist. Viel gute, schöpferische Kraft sende ich dir weiterhin. Gruß. Wolfgang.

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