Die zwei Ichs: Spieler und Figur

Verfremdung, Spieler und Figur

Zur Verkörperung einer Figur auf der Bühne wird die privatpersönliche Haltung aufgegeben.  Dann wird die kräftige, manchmal bis ins Absurde gehende, künstlerische Verfremdung der eigenen Person des Spielers angestrebt. Viele unserer Stilmittel sind eigens dafür entwickelt worden. Sie führen auf den Weg endlich einmal ein Anderer und zugleich sich-Ich-Selbst zu sein. In der Verfremdung erscheint im Spieler oft mehr von seinem inneren Wesen als wenn er privat und persönlich spielt. Dieses  Phänomen überrascht stets aufs Neue und ist erwünschtes, erstrebtes TraumGesicht.

In der Verfremdung bedient sich der Spieler als Figur aktiv und bewusst der Stilmittel auf die sich geeinigt wurde. Diese werden, je nach Situation und Aufgabe, oft per Los aus dem reichhaltigen Repertoire meiner Slow Acting Methode entnommen.

P1280074 web

Spieler. Figur und Beziehung

Die Bühne lebt, wie unser Alltag auch, von der  dialogischen Begegnung. Sie bezieht den Kontakt zu sich selbst, zu Anderen und zur Umwelt mit ein. Wahrhaftige, lebendige Beziehung zwischen Spielern und ihren Figuren üben wir im langsamen, vertrauensvollen geschehen lassen. Ihre Form ist die ritualisierte Zug um Zug Interaktion im auf einander-bezogen-Sein.

Manche Spieler lernen erst durch die strikte Einhaltung der Stilmittel: Langsamkeit, Stopp und Stille, Spielhemmungen loszulassen, Tabus zu überwinden, Abwehrhaltungen und Berührungsängste aufzulösen. Auch werden neue Verhaltensweisen erprobt in denen sich die vertrauensvolle, wahre Beziehung und ihr tiefer Spielfluss entfalten kann. Wenn so Begegnung gelingt berührt sie Spieler und Zuschauer gleichermaßen tief.

Motivation

Es spielt sich immer etwas zwischen Personen und Figuren ab. Immer geht etwas vor zwischen ihnen, webt hin und her. Das ist auf der Bühne so und im täglichen Alltag auch. WAS es ist, WIE es ist und WARUM bleibt meistens unbewusst. Auf der Bühne jedoch sollte  es bewusst und z.B.: in der Beherrschung der Zug um Zug-Form, erfahren und vollendet ausgedrückt werden. Zur immer tieferen Auslotung der inneren Wahrheit des Augenblicks wird auch die Untertext-Methode eingesetzt. Von ihr, an dieser Stelle, später mehr.

Drei Schauspieler sind im schwarzen Bühnenraum. Sie haben alle drei stark geschminkte Gescihter. Der Mann steht mit einem Lorbeerkranz in der Mitte, links vor ihm steht eine Frau in einer ein wenig gebeugten Halten. Hinten rechts sitzt eine Frau mit hohem Hut.

Jeder Spieler lernt als Figur, in und durch diese Methode, von Mal zu Mal authentischer,  seinen Zug auszufüllen. Was meint die Bezeichnung Zug ?
Gemeint ist ein Zeit-Raum den A beanspruchen darf um darin zu reagieren, zu agieren, sich seiner  Situation entsprechend neu zu gebärden und zu gestalten.
Im STOPP von A erkennt B, das sich nun der Zeit-Raum für ihn und seinen Gegen-Zug öffnet in dem er in den Ausdruck seiner eigenen Figur findet.

Dieser ritualisierte Dialog als Prinzip (Martin Buber) gibt Personen und Figuren in ihren Begegnungen die Chance seinen Geheimnischarakter zu erfahren, ihn zu verkörpern und zu leben. Er ist es der von Szene zu Szene, von Station zu Station, in oft sinnlich-übersinnlicher Weise schöpferisch führt und trägt. Auf seinem Höhepunkt kommt es zu einer Begegnung von Wesen zu Wesen, statt von Ich zu Ich. Es begegnen und vereinen sich das innere Wesen der Figur, das Wesen des Spielers und das Wesen des Spiels. Jeglicher Schein ist dann überwunden, das Authentisch-Sein ergibt sich nun von Selbst. Das Leben, auf der Bühne und außerhalb von ihr, kann so gelingen.

Die zwei Ichs

Der Spieler wird bei der Beschäftigung mit seiner Figur zwei Ichs erfahren. Mitunter widersprechen sie sich. Es bedarf dann vielleicht einer speziellen Bearbeitung. Das eine Ich gehört zum Spieler, das andere zu seiner Figur. Dabei ist es unwichtig ob die Figur der Literatur entnommen ist, einem inneren Anteil entspricht oder vorgegeben ist.
Spieler und Figur sollten zur Begegnung, zur gegenseitigen Durchdringung und zum gegenseitigen Aufbau bereit sein. Die Figur lebt durch die dialogische Beziehung des Spielers zu ihr, der Spieler durch ihre dialogische Beziehung zu ihm. In dem Maße wie es gelingt eine Figur mit den seelisch-geistigen und leib-körperlichen Methoden die uns bis jetzt bekannt sind, die Slow Acting Methode entwickelt sich ja immer weiter, zu entwickeln, entwickelt sich der Spieler stilvoll mit. Auch das meint Slow Acting im Schauspiel, als Weg verstanden.

Ich wünsche einen guten Übergang ins Jahr zweitausendachtzehn und weiterhin gute schöpferische Kraft.
Wolfgang Keuter

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s