Schritt für Schritt

Die innere Zeit, die seelische Zeit ist kostbares Gut. Kaum noch jemand hat Zeit für sie obwohl reichlich von ihr vorhanden ist. Die einseitige Konzentration auf Leistung, auf das Machen und Wollen, alles muss immer schneller gehen und immer höher wachsen, stiehlt uns  Zeit und die Seele. Dieser kollektiven Fehlhaltung sollten und können wir etwas entgegen setzen:

Das langsame Gehen

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Ich stehe gut und still, weil ich vorwärts kommen will und genieße meine Mitte. M.S.

Wenn wir uns keine Zeit mehr geben eliminieren wir unsere schöpferischen Fähigkeiten und  Möglichkeiten.

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So geht es auch. L.P.

Die Redewendungen: Schritt für Schritt, ein Fuß nach dem anderen, erzählen von einem anderen Gehen, von einer anderen Weise des Fort-Schrittes und des Weiterkommens. Eine die nicht von der Sucht nach Leistung beherrscht wird.

Es gibt ein Weiterkommen und Fortschreiten auf dem inneren Weg mit dem es gelingt, das Leben schöpferisch zu gestalten. Dazu bedarf es innerer Sammlung und Präsenz. Dann finden wir in die heilende Kraft der reinen Gebärde des Gehens. Ich nenne es kultisches Gehen. Es löst Fehlhaltungen auf.

Wenn du sehr eilig bist, gehe einen Umweg. Zen

Das hinein gehen in die kultische Spiel-und Lebenshaltung setzt die eindeutige Entscheidung voraus. Dann kann sie zum Übungsritual werden und immer wieder neu, in die oft verhinderte, innere Freiheit zu finden und vor allem: den Mut zur Selbstbestimmung.

  • Beginne damit dein Gehen, Schritt für Schritt, zu verlangsamen. Ruhig und gleichmäßig. Die Augen auf einen Punkt gerichtet. Gehe in Würde auch wenn das jetzt nicht deine Stimmung ist.
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Endlich! Es geht bergauf. N.B.

Gehe in dieser Weise vor allem dann wenn Selbstvertrauen und deine Würde in Gefahr sind verloren zu gehen, wenn es nicht mehr weiter zu gehen scheint und dein Steckenbleiben droht. Dann kann durch diese kultische, reine Gebärde des Gehens deine Befindlichkeit positiv umgewandelt werden. Oder entscheide dich, unabhängig von Lust und Laune, diese Gehübung als Exerzitiu täglich zu vollziehen. Dann geht es wieder!

Langsames Gehen in der Stille

Das langsame, reine Gehen in der Stille hat Jahrhunderte alte Tradition. Rein ist eine Gebärde immer dann wenn sie frei ist von körperlichen Fehlhaltungen.
Sie manifestieren sich z.B. durch Ichbefangenheit, Anspannung, Angst, durch ein Übermaß an Melancholie, Mangel an Selbst-Vertrauen, Zwang zur Leistung, Festhalten an Überholtem, durch ein Übermaß an Grübeln und Denken, durch einseitiges bezogen sein auf die Außenwelt.…

Rein ist eine Gebärde, zum Beispiel das kultische Gehen, wenn es befreit ist vom flachen Atem, in der Erfahrung voll und ganz in dieser Übung aufzugehen, in ihr präsent zu Sein. Durch solche kontemplative Einfühlung in den LeibKörper ergibt sich die so notwendige innere Sammlung.
Fast alle spirituellen Wege empfehlen sie.
Ohne Sammlung im LeibKörper bleibt jedes Tun und Nicht-Tun flach. Ein Leben ohne Sammlung bleibt oberflächlich.

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Wenn ich fest auftrete, beim Gehen, wird die Wiese wieder grün unter meinen Füßen. E.P.

Du Selbst bis das Wandlungsgefäß für das Große Werk der Menschwerdung. Du Selbst in deinem LeibKörper.  Je tiefer du, vor allem durch die kontemplativ-kultischen Übungen,  bei dir Selbst ankommst umso mehr kommst du in Berührung mit deinem LeibKörper. Er ist das Medium deines individuellen Lebensweges.
Leib kommt von lib, das meint Leben. Und Leib, Selbst und Leben sind eine unbedingte Einheit. Auf dem inneren Weg zur Selbstwerdung geht es also primär um den Leib, der du bist und sekundär um den Körper, den du hast. Graf Dürckheim lehrte mich diesen Unterschied wahr zu nehmen durch seine Lehre des Darleibens und Darlebens. Die Integration von Leib und Körper geschieht im Gegenwärtig-Sein. Die Alchemie nennt dieses Geschehen: den Geist in die Materie bringen. Das kultische Gehen ist schon ein Schritt in diese Richtung.

Die Heimat des individuellen und tiefen Wesens ist der Leib. Das sollten wir bedenken bei jeder Heim-Suchung. Meine Lehre vom LeibKörper schließt die mystische Erfahrung des Leibes im Körper mit ein. Kommt es dazu wird er oft erlebt als innere Weg-Leib.  Hier berühren wir das geheime Wissen um die Einweihungswege der Seele in der eigenen Tiefe.

Die Übung

  • Stehe erst einmal so, als wolltest du das kontemplative Stehen üben
  • Verankere dich mit deinem Atem im Bereich zwischen Nabel und Schambein. Lass Es dort atmen. Der Atem kommt und geht, kommt und geht, ganz von Selbst
  • In die sich darin einstellende Stille, meldet sich bald die eine Stimme in dir, die dich meint.

Das geheimnisvolle Etwas
ist der Leib
der ich bin
unverweslicher Doppelgänger
eigentliches Du
mein Wesen

Mit kleinen Schritten gehen wir nun weiter in die Übung. Bitte ohne Anspruch alle  Übungspunkte sofort schon behalten zu müssen:

  • Die Atembewegung im Unterbauch zulassen. Den Bodenkontakt deutlich spüren. Dazu einige Male aufstampfen. Gut wieder dastehen, den lebendigen Kontakt mit dem Boden spüren, den Energie-Austausch zwischen deinen Fußsohlen und dem Boden wahrnehmen
  • In den Knien ein wenig nachgeben
  • Loslassen in der Kopfhaut, in der Stirn, in den Augen, in der Wangen- und Mundmuskulatur
  • Erspüre nun das kleine Kreuz in deinem Schädel

Seine Waagerechte geht von einem Ohr zum anderen. Seine Senkrechte geht von der Schädelbasis zum obersten Teil deines Schädels. Verweile bei dem kleinen Kreuz und erspüre die gute Wirkung in deinem Schädel. Sie sollte sich in deinem ganzen LeibKörper, bis in die Füße hinein, ausbreiten dürfen.

  • Loslassen, loslassen, loslassen in den Schultern. Mit jedem Ausatem immer noch ein wenig mehr
  • Deine rechte Hand legt sich als lockere Faust auf die Mitte deines Brustraumes, dorthin wo das seelischgeistige Herz vermutet wird. Oder lege sie auf den Unterbauch unter deinen Nabel.
    Deine linke Hand legt sich schützend auf die rechte Hand, wobei der linke Daumen in die lockere Faust eingeht. In den Schultern und Armen ganz entspannt bleiben. Die Arme dürfen zwischendurch auch mal aushängen, warm und schwer

Nun entschließe dich den ersten Schritt zu tun

  • Beginne immer mit dem linken Fuß. Während du ihn hebst, geht dein Körpergewicht auf den rechten Fuß. Dein linker Fuß setzt vorsichtig mit der Ferse auf und rollt langsam auf der Fußsohle ab. Gegen Ende des Abrollens, etwa bei den Zehen, hebt sich dein rechter Fuß. Dein Körpergewicht ruht nun auf deinem linken Fuß. Du setzt mit der Ferse des rechten Fußes auf: abrollen, abrollen, von der Ferse bis zu den Zehen. Sei mit deiner vollen Präsenz dabei, immer wieder und immer wieder
    Kein Schritt sollte größer sein als eine halbe oder eine ganze Fußlänge
  • Beim Gehen solltest du keinen Bruchteil einer Sekunde stehenbleiben. Es geht um die nicht zu unterbrechende Vorwärtsbewegung, als fließende Gleichgewichtsübung
  • Ein Buch auf dem Kopf schult deine gute aufrechte Haltung und das Gespür für deine Würde
  • Gib dir wieder vierzehn Tage Zeit mit der Geh-Übung, möglichst zu Tagesbeginn und zum Tagesabschluss. Gehe in der empfohlenen Weise zunächst nur fünf Minuten. Du kannst diese Übung ausdehnen auf zwanzig Minuten und mehr
  • Beginne und beende sie mit einer kleinen Verbeugung. Eine brennende Kerze, ein glimmendes Räucherstäbchen unterstützen die Atmosphäre

Das langsame Gehen ist ein Weg der kleinen Schritte. Es ist Spiel mit Standbein und Spielbein. Erlebe hellwach und bewusst:

  • Jeder Schritt ist ein erster Schritt
  • Jeder erste Schritt trägt in sich die Chance zu einem Neuanfang. Erlebe es hellwach!
  • Kein Schritt ist wie der vorherige. Jeder ist Wagnis und Ereignis auf dem Weg
  • Du gehst auf einer unsichtbaren, mit den Füßen spürbaren Wegspur. Sie verbindet dich mit deinem Leib und Wesen
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Bergab geht es ganz leicht. A.J.

Gutes Üben

Einige persönliche Erfahrungen mit der reinen Gebärde des Stehens habe ich erhalten. Dafür bedanke ich mich.
Wenn du magst schreibe mir deine Erfahrungen mit dem kultischen Gehen.

Bis bald und mit herzlichem Gruß.
Wolfgang.

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