Das Stehen in der Stille im Stile des Zen

Stehen als reine Gebärde ist eine ritualisierte Übung. Rein ist eine Gebärde wenn sie frei ist von Nachlässigkeit und Anspannung, wenn dein Atem gut im Unterbauch verankert ist und du dich, durch die Bewusstheit in deinen Füßen, geerdet erlebst. Diese Haltung wird im Allgemeinen als Grounding bezeichnet.

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„Ich wachse nach unten und nach oben“

Ein Klient erlebte vor einigen Tagen, während einer Leibkörper-Wahrnehmung im Einzelcoaching:

„Meine Beine spüre ich wie Wurzeln die tief in den Boden hineinwachsen und gleichzeitig wachse ich wieder hervor. Ich stehe endlich wieder. Ich hatte fast vergessen wie sich das anfühlt, vermisst habe ich es immer.“

Mit dem Stehen in der Stille im Stile des Zen, übst du den sicheren und flexiblen Stand im Leben zu finden. Das kultische Erleben das sich während des Übens ergibt, aus Präsenz und Stille, löst dich aus dem alltäglichen Kleinklein, aus Verklemmtheiten und Hemmungen. Und bald gelingt es dir, mehr und mehr, dieses Gelöst-Sein auch in deinem Alltag zu leben.

Anweisungen zur Übung:

Stehen in der Stille im Stile des Zen

  1. Bevor du beginnst vollziehe eine Verbeugung. Stehe, mit den Füßen hüftbreit, aufrecht und in Würde. Schließe die Augen. Spüre wie es in deinem Unterbauch atmet. Dort befindet sich deine physische Mitte zwischen Nabel und Schambein. Spüre wie Es dort atmet und wie im Aus und Ein deines Atems die Unterbauchmuskulatur elastisch nachgibt.
  2. Lebe dich ein, in deinen weiten Beckenraum, bis hin zum tiefen Grund deines Beckenbodens, verankere dich dort mit deinem Atem. Das Hineinfinden in deine leibkörperliche Mitte beinhaltet die große Chance gleichzeitig in deine seelisch-geistige Mitte hinein zu finden. Denn die Lehre vom Leibkörper besagt, dass durch ihn die Seele erscheint und das die Seele der Sinn des Leibkörpers ist.
  3. Nun lebe dich ein in deine Beine. Wie anwesend erlebst du dich in ihnen? Übe das Loslassen, loslassen, loslassen in den Unterschenkeln und in den Oberschenkeln. Gib in deinen Knien ein wenig nach damit auch dort Energien durch fließen können. Die Bewusstheit in deinen Beinen fördert die Fähigkeit immer wieder neu auf die Beine zu kommen.
  4. Taste dich nun langsam wieder, von den Füßen durch deine Beine, zurück in deine Körpermitte. Erfahre dein Becken wie eine große, weite und tiefe Schale. Spüre wie es dort atmet. Verweile ein wenig bei dieser Wahrnehmung und erspüre dann die Atembewegung im Steißbein und Kreuzbeinbereich.
  5. Dann lebst du dich ein in das hintere große Kreuz in dir. Seine Senkrechte beginnt im Steißbein und geht hinauf zum Nacken. Strecke ihn ganz leicht so, dass du spürst wie dein Schädel auf dem aller letzten Wirbel sanft balanciert. Versuche dies in deine Wahrnehmung zu bekommen. Nun lebst du dich ein in die Waagerechte des großen Kreuzes. Sie befindet sich im Schultergürtel. Aus ihm heraus hängen ganz entspannt deine Arme. Loslassen, loslassen, loslassen in den Oberarmen und Unterarmen. Deine Hände sind schwer, ganz schwer. Erfahre dich getragen und gestützt von deinem Skelett. Sein Zentrum ist die Wirbelsäule. Die Wirbel sollten federnd aufeinander sitzen. Das zarte und spielende Zusammenwirken deiner Gelenke und Wirbel ermöglichen die feine Balance. Sie verhelfen dir seelisch und körperlich zu stabilem und flexiblem Gleichgewicht. Das ist eine der Voraussetzung um selbst-ständig auf eigenen Füßen zu stehen. Nichts kann dich dann mehr umwerfen. Also nicht strammstehen, immer gelöst, in guter Balance die von deinem Skelett ausgeht. Loslassen, loslassen, loslassen im Muskelkörper.
  6. Gehe nun noch ein wenig höher, immer im Kontakt mit deinem Unterbauch- Beckenraum und mit deinen gut geerdeten Füßen. Spüre dich ein in die Kopf-und Gesichtshaut, dort loslassen, loslassen, loslassen… Im Lippenbereich unter der Haut ein sanftes Lächeln zu lassen. Spüre wie sich Lächel-Energie bildet und lasse zu, dass sie sich in deinem ganzen Leibkörper ausbreitet. Verweile ein wenig bei diesem Geschehen.
  7. Schließe die Augen oder schaue gerade aus auf einen Punkt dir gegenüber und schaue gleichzeitig durch ihn hindurch, damit übst du den Ewigkeitsblick.
  8. Zum Abschluss legst du vorsichtig die Hände auf deinen Unterbauch, auf den Bereich zwischen Nabel und Schambein. Erspüre mit deinen Händen die Atembewegung in deiner Unterbauchmuskulatur, dein Atem kommt und geht, kommt und geht, kommt und geht, ganz von Selbst. Stehe da wie ein Baum, im Boden kräftig verwurzelt, leichtes Schwanken zulassen.
  9. Beende die Übung des Stehens als reine Gebärde mit einer Verbeugung.
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„Aufrecht stehend erlebe ich mich verwurzelt.“

Der Weg beginnt unter deinen Füßen. Eine Binsenweisheit. Tatsächlich jedoch vermag er, durch den innigen Kontakt mit deinen Füßen, zu dir zu sprechen. Und stehst du da, entspannt in die Stille hin spürend erwacht in dir die Präsenz auf seine Stimme zu horchen und auch der Mut den du brauchst um ihr zu gehorchen. Erlebe im innigen Kontakt mit dem Boden, dass du wirklich Fuß fasst. Immer ist unter deinen Füßen eine Kraft im Boden die dich von sich aus trägt. Erspüre wie der Boden zu einem dich tragenden Grund wird. Verweile ein wenig bei der so wichtigen Erdung, dem Grounding.

Mein Motto für diese Übung:

Öffne dich der Großen Stille die hinter allem Lärm verborgen ist und horche ins Schweigen.

Heilende Kraft der reinen Gebärde

Meine Empfehlung für diese Übung ist, sie ca. 14 Tage zu praktizieren, um ihre verwandelnde Kraft wahrzunehmen.

  • Übe das Stehen in der Stille, regelmäßig ein- bis zweimal am Tag, etwa 5 Minuten, zum Tagesbeginn und als Tagesabschluss. Du kannst sie später zeitlich ausdehnen.
  • Beginne diese Übung immer mit einer Verbeugung und schließe mit einer Verbeugung ab um den kultischen Charakter dieser Handlung, Tun im Nicht-Tun, anzuerkennen. Dann, bevor du dich wieder den alltäglichen Dingen zuwendest, spüre noch einmal hin: Wie stehst du da jetzt vor dir Selbst?
    Bleib noch einen Moment im verweilenden Spüren.
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„Ich stehe aufrecht.“

Mit Graf Dürckheim habe ich manchmal bis zu vierzig Minuten das Stehen in der Stille geübt, mit Gefühlen der Weite und Würde, tiefer Ruhe und ahnend wissendem Staunen.

Wenn du dich auf solche Übungen einlassen möchtest, sie vielleicht schon vollziehst, wird es die Leser*Innen meiner Blogs, und natürlich auch mich sehr freuen, wenn du deine Erfahrungen hier mitteilst. Immer sind deine Rückmeldungen willkommen.

Gutes Üben. Üben. Üben.
Wolfgang
Slow Acting: Ein Weg zur eigenen Mitte

Empfehlung

Für den Inhalt dieses Beitrags empfehle ich folgende Literatur:

  • Karlfried Graf Dürckheim. Der Alltag als Übung
  • Karlfried Graf Dürckheim. Hara: Die energetische Mitte des Menschen
  • Erich Neumann. Kulturentwicklung und Religion
  • Rupert Lay. Meditationstechniken für Manager

Ein Gedanke zu “Das Stehen in der Stille im Stile des Zen

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