Slow Acting. Vom Geheimnis der Gebärden

Gebärden gibt es ohne Zahl. Ihr Schatz ist unerschöpflich. Sie gehören in das weite Feld der Ausdruckskunde.

Viele Wurzeln meiner Methode Slow Acting reichen tief hinunter in kultische und schamanische Ausdrucksformen. Gebärden gehören, mit Gewand und Maske, von Anfang an zu den uralten Ritualen und Schaukünsten. Im antiken Theater zum Beispiel bringt der Schauspieler seine Figur durch besonders große Gebärden in den Ausdruck. Denn sein Mienenspiel war ja durch Masken verdeckt. Viele Philosophen und Redner erlernten die Cheironomia, die Kunst der Gebärde.

Noch vor meinem Schauspielstudium hat mich eine Äußerung von Ernst Barlach über Gebärden beeinflusst.

Du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck.

In meiner Kindheit

Was Barlach ausdrückt, das erfahre ich eindrücklich in früher Kindheit: Die Bedeutung von Gebärden, ihre erlösende, wandelnde und gestaltgebende Wirkung. Denn Hand-und Leibgebärden stellen sich ein, mitunter in Verbindungen mit Handlungen. Sie sind nicht von mir  geplant. Ich bekomme auf merkwürdige Weise Anweisungen und dann, spontan und irgendwie von Selbst, ergeben sie sich . Nie weiß ich ob sie außerhalb von mir kommen oder aus meinem eigenen Inneren. Gebe ich ihnen nach dann erlebe ich mich in einem Geheimnisraum. Ich muss ihnen folgen. Das ist von Anfang an für mich selbstverständlich. Zum Beispiel: gehend, stehend, kniend, liegend, in unterschiedlichen Raumhöhen die Hände falten, sie erheben, zu Fäusten bilden, immer verlangsamt, gehen im Kreis, manchmal die Schritte zählend bis ins Unendliche… Dann kommt die Zeit des Nachspürens. Darin erlebe ich mit allen meinen Sinnen wie sehr es sich lohnt den Anweisungen zu gehorchen. Sie sind eine Wohltat für mein kindliches Gemüt. Die aufgegebenen Gebärden, auch die Handlungen – manche zeigen mich in meinem Verhalten sicher oft eigenartig – befreien und erleichtern mich enorm. Was auf  diese geheimnisvolle Weise mit mir geschieht und wie es geschieht erstaunt mich und entsetzt mich auch. Doch bleiben die Anweisungen zwingend, drängend, autoritär. Sie scheinen aus der Ewigkeit zu kommen und sind mir doch so nah und vertraut.

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Als Yeux Verts, mit Reinhard Musik als Lefranc. Unter Aufsicht von J. Genet, 1968 Intimes Theater. Düsseldorf

Mystische Erfahrungen gehören in den Anfang meines Lebens. Sie haben nie aufgehört. Ich empfange von ihnen Substanz, entnehme ihnen Vertrauen und Zuversicht ins Leben. Immer noch sind sie Höhepunkt vieler Übungen. Sie steigern meine Lebensqualität, sie machen die wahre Spiel- und Lebensbereitschaft erst möglich.

Beim Theater

Später ergeben sich diese geheimnisvollen Anweisungen auch auf der Bühne, wieder führen sie mich zu Gebärden und Handlungen und zu der anderen, so ersehnten Ausdrucksweise. Die Anweisungen mischen sich ein, zwingen wie früher zu ihrer verlangsamten Ausführung. Lasse ich sie, wie vorgegeben zu erlebe ich mich in einem Geschehen, das mich erfüllt mit wunderbar inniger Präsenz, manchmal wie von innen her leuchtend. Und wieder weitet sich innerer Raum in den Außenraum, weitet sich aus in eine andere Welt und zum wirklichen Spielleben hin. Was für ein Gewinn!

Unfassbar dieses Erleben, das sich durch Gebärden ergeben kann. Es ist wie in einem größeren Leben zu Sein, um aus ihm heraus Spielhandelnd zu wirken. Und oft, doch immer ist es wie ein erstes Mal, erlebe ich staunend dieser Andere zu werden der ich in Wirklichkeit bin. Und jetzt, hier auf der Bühne, ersetzt er mein Ich für Momente. So sollte es immer sein! Auch wenn es nur Momente sind: was für ein Glück!

In einer Art Überbewusstheit schaue ich zu wie die Hände sich gebärden und mit ihm auch der sich von Selbst gebärdende und handelnde Körper. Und ich spüre an der inneren und äußeren Resonanz, dass sich mein Spielglück auf die Zuschauer überträgt. Dieser Andere in anderem Sein, der eben auf der Bühne eine Figur gezeigt hat, manchmal bleibt er bei mir. Auch außerhalb des Bühnenraumes. Dafür lohnt sich alles üben.

Im Laufe meines künstlerischen Forschens und Experimentierens entdecke ich, dass vor allem die reinen, die archetypischen Hand- und Leibgebärden von enormer Wirksamkeit sind.

Darum bringt es kreativen und schöpferischer Gewinn wenn wir sie üben. Am besten als  Exerzitium, Tag für Tag. Wir erleben durch sie Erweiterung unserer Wahrnehmungsfähigkeit und gewinnen an Bewusstheit. Aus diesen, für mich grundlegenden Erfahrungen biete ich Übungsgruppen und Einzelcoachings an mit dem Schwerpunkt Gebärden. Oft reichen Worte nicht aus um tiefe Wahrnehmungen, Impulse oder vage Empfindungen adäquat auszudrücken. Gebärden können dann überraschend beredt sein und zudem das Innere stilvoll gestalten. Oft werden sie von Imaginationen begleitet. Letztlich geht es auf dem inneren Weg vor allem um den bewussten und schöpferischen Dialog mit dem Unbewussten, im Leib, der ich bin.

Wenn Gebärden eine Weile geübt werden ergibt sich die Chance, dass sie sich ganz von Selbst ergeben. Das ist ein Ziel im Schauspiel als Weg: im geeigneten Moment werden, vom  trainierten Unbewussten, die entsprechenden Gebärden hervorgebracht. Und nicht selten geschieht das auch außerhalb des vertrauten Spielraumes.

Zwei Beispiele möchte ich geben:

Carola

Ihr fehlen die Worte, sie erlebt sich sprachlos als sie nach einem mehrtägigen Seminar von der Gruppenleitung spontan aufgefordert wurde, vor allen Teilnehmern, eine Rückmeldung zu geben. Angefüllt von verarbeiteten und noch nicht verarbeiteten Eindrücken erlebt sie sich unfähig diese vor so vielen Menschen zu verbalisieren. Es hat mir regelrecht die Sprache verschlagen, erzählt sie. Plötzlich beginnt sie nonverbal und von sich selbst vollkommen überrascht, ihre Eindrücke durch Gebärden sprechen zu lassen. Das geschah einfach und ich sah mir quasi dabei zu, das war ein starkes Erlebnis.

Geschult durch langjährige Teilnahme an der Gruppe Präsenz mit sich Selbst und im Umgang mit Anderen, im Gebärdenspiel und im Gesang aus dem Ursprung,  beginnt sie ihre Eindrücke mit Gebärden und Improgesang zu erzählen. Die Teilnehmer haben nie zuvor einen so ursprünglichen, wahren und ungewöhnlichen Vortrag erlebt. Und Carola hat sich so auch noch nie erlebt und ist überglücklich. Ihre  schöpferische Performance geht allen zu Herzen. Und genau dort wird sie auch aufgenommen, was deutlich wird in den anschließenden Gesprächen.

Mein Kopf hat sich verweigert, mein Leib hat gesprochen, erinnert sich Carola, immer noch freudig bewegt, von dem initiatischen Impuls den sie zum ersten Mal in ihrem Leben, so überraschend und leicht, zulassen hat. Sie ist der Wahrheit des Augenblicks gefolgt.

Ein ähnliches Beispiel:

Vor einigen Jahren hat mich die evangelische Akademie in Tutzing zu einem Seminar eingeladen. Mein Thema: Selbsterfahrung mit alten Gebetsgebärden. Ich bin einen Tag früher angereist weil der Ort so erholsam ist. Interessiert setze ich mich in den Tagungsraum und höre den Vorträgen zu. Nach einer Weile kommt eine Stimme aus dem Lautsprecher, mein Name wird genannt mit der Bitte nach vorne ans Mikrophon zu kommen, um den Teilnehmern mitzuteilen was sie in meinem Seminar am nächsten Tag erwartet. Ich bin darauf nicht vorbereitet, erlebe mich überrumpelt und spüre auf dem Weg zum Pult, das mein Kopf keinen Gedanken gestalten kann. Nun stehe ich da vor den vielen Menschen und finde nur dürre Worte um mich persönlich vorzustellen. Doch wie ich Morgen beginnen möchte und welchen Sinn mein Seminar haben kann, ist jetzt nicht zu verbalisieren. Doch erlebe ich plötzlich wieder diese innere Führung und erneut geschieht mir, das sich Gebärden ergeben und mein Körper durch sie zu sprechen beginnt. Dann stehe ich da, bin nun ganz still und still ist es auch im ganzen Raum. Ich sehe die vielen Augen die mich anschauen und bin mir sicher nun durchgefallen zu sein. Im Gegenteil aber höre ich starken Applaus. Mein Seminar am nächsten Morgen ist übervoll und die meisten Teilnehmer erzählen, dass mein nonverbaler Vortrag in spontaner Gebärdensprache für viele das Motiv ist daran teilzunehmen.

Das ist auch ein Geheimnis der geübten Gebärden: Sie geben unserem Wesen leibkörperliche Gestalt. Sie tragen uns verlässlich und stilvoll. Dadurch können wir vortragen was an der Zeit ist.

Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen.

Mit Gruß

Wolfgang Keuter, am 11. 9. 2016

3 Gedanken zu “Slow Acting. Vom Geheimnis der Gebärden

  1. Freue mich deine Blogbeiträge lesen zu können. Schön zu lesen wie die Gebärden deinen Lebensweg begleiten. Beeindruckend was durch das Üben möglich wird. Das durfte ich auch einige Male erfahren. Liebe Grüße vom Niederrhein Brigitte

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    • Hallo, liebe Brigitte, darüber freue ich mich wie du schreibst, und über das gemeinsame Erfahren. Ja, es gibt eine Schönheit des Weges und meines Erachtens ist dieser WEG immer ein Übungsweg. Mit Gruß. Wolfgang.

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    • Hallo Brigitte, ja, das ist auch für mich immer wieder neu und schön, die verwandelnde Kraft der Gebärden (manchmal täglich und wenn’s dicke kommt, auch schon mal stündlich) zu erfahren. Sinnvoll ist es einige der Standartgebärden schon zu kennen. Hab es gut. Gruß. Wolfgang.

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