Was sich in Einzelcoachings ereignen kann.

Helmut meldet sich zum Einzelcoaching an um der quälenden Unzufriedenheit auf die Spur zu kommen. Ich möchte mich davon befreien. Ich weiß nicht wie, und ich weiß auch nicht warum sie da ist und was sie von mir will, sagt er.

Helmut ist zweiundzwanzig Jahre alt, kaufmännischer Angestellter, Single, mit wenig Selbstbewusstsein. Er macht einen überanstrengten Eindruck. Mehr von sich zu erzählen fällt ihm schwer. Wir einigen uns auf nonverbales Weitergehen.

Wegen seiner angespannten Körperhaltung beginnen wir mit lösenden Bewegungen und leiser Musik. Diese Vorgehensweise tut ihm sichtlich gut tut. Nach einer Weile beginnt er, ganz aus sich Selbst heraus, wie gedankenverloren, mit Gebärden zu experimentieren. Einige Wochen zuvor hat er, in einer Weiterbildungsgruppe bei mir, allerersten  Kontakt mit ihnen erfahren.

In welcher Gebärde wird sich die Unzufriedenheit physikalisieren, sich wandeln oder will etwas ganz anderes Gestalt annehmen?

Plötzlich schaut Helmut mich erstaunt und fragend an, mit extrem ausdrücklichen Händen. So als wäre ihm soeben eine Erkenntnis zugefallen. Seiner Mimik kann ich ablesen, dass er berührt ist. Was ihn berührt scheint ihm noch unbewusst zu sein.

Wolfgang: Wie erlebst du diese Gebärde?

P1130951 web Helmut: Richtig stark. Das ist eine Klammergebärde. Was mache ich jetzt damit?

W: Wiederhole sie ein paar Mal, in unterschiedlichen Raumhöhen, und warte ab ob sich dabei ein inneres Bild einstellt.

Es dauert eine Weile. Helmut atmet heftig. Sein Gesicht zeigt Widerwille und Freude.

H: Meine Hände klammern sich fest. Es ist Leder. Ich kann fühlen und riechen, dass es Leder ist.

W: Bleib dabei und warte ab was geschieht.

H: Das Leder gehört zu einem Stuhl. Es ist mein Bürostuhl. Ich klammere mich an ihm fest, will mich sogar an ihm festbeißen.

W: Wie fühlen sich deine Hände dabei an?

H: Die sind wahnsinnig verkrampft. Das Klammern tut weh, ist voll anstrengend. Ich will diesen Krampf nicht, ich will aufhören.

W: Warte bitte noch einen Augenblick, bleib dran und warte ab was geschieht.

H: Ich will dieses Leder und diesen verdammten Stuhl loslassen, wegschmeißen, kaputtmachen.

Plötzlich gebärden sich seine Hände in kräftigen wegschleudernden Bewegungen. Helmut tritt, laut atmend, auf den imaginären Stuhl ein.

H: Ich muss mich von ihm lösen. Jetzt kann ich ihn wegschleudern, wegtreten, ich will ihn nicht mehr.

Nach einer Weile gemeinsamen Schweigens und Nachspürens:

W: Wie spürst du dich jetzt in deinem Körper?

H: Entspannt, da ist jetzt viel mehr Raum drin

W: Was ist aus der Unzufriedenheit von eben geworden, wo spürst du sie jetzt?

H: Nirgends. Sie ist nicht mehr da. Ich fühle mich voll zufrieden, das ist ein gutes Gefühl!

W: Bleib ein wenig dabei und genieße dein gutes Gefühl, lass es einziehen in deine inneren Räume. Nach einer Weile, Helmut lächelt entspannt:

W: Wie fühlen sich deine Hände jetzt an?

P1130930 webH: Leer. Die sind ganz leer und entspannt. Ich habe jetzt nichts mehr in meinen Händen. Sie sind ganz leer.

Von seinen letzten Worten ist Helmut berührt. Er ist kurz davor zu weinen.

W: Bleib bei deinen leeren Händen. Erlebe sie wach und sinnlich, spüre in sie hinein, was möchten sie tun?

Nun gleiten seine Fingerspitzen abwechselnd über beide Handflächen, die sich bald gegenseitig streicheln. Bei diesen liebevollen Bewegungen bleibt Helmut eine Weile.

W: Magst du mir sagen was deine Hände jetzt tun?

H: Weinend sagt er: Ganz früh schon hatte ich den Wunsch Krankenpfleger zu werden. Mein Vater war absolut dagegen. Ich bin total überrascht wie stark ich diesen Wunsch, vor allem in meinen Händen, erlebe. Wie damals stehe ich jetzt da, vor meinem Vater mit leeren Händen. Jetzt weiß ich was zu tun ist und was meine Hände immer schon gewollt haben.

Einige Monate später gibt Helmut den Bürostuhl und den ungeliebten Job auf. Gegen den Willen seines Vaters beginnt er mit der Ausbildung zum Physiotherapeuten.

  • Auch die Gebärden sind ein Königsweg zur Seele.
  • Und die krallenartige Greifhand steht hier für die schöpferische und heilende Kraft der reinen, weil archetypischen Gebärden.
  • Mit den Gebärden begeben wir uns durch unseren Leib auf die Ebene tiefer Erfahrung. Sie ist ehrlicher als der Verstand.

O.K. So viel für heute.

Ich freue mich über Rückmeldungen.

Mit Gruß und bis bald.

Wolfgang Keuter

Düsseldorf, 17.08.2016

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12 Gedanken zu “Was sich in Einzelcoachings ereignen kann.

  1. Das ist eine sehr schöne Geschichte. Ja, es ist nicht gut, immer das zu tun, was die Eltern wollen. Jeder sollte für sich seinen eigenen Weg finden. Selbst wenn er manchmal stolpert. Das ist gut und lehrreich.

    Viele Grüße aus Wuppertal
    Gabriela Dierkes

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    • Liebe Gabriela, ja, irgendwann – wenn es an der Zeit ist – kommt der innere Ruf seinen eigenen WEG zu gehen, und das Stolpern gehört dazu und darf wohl sein. Mit Gruß. Wolfgang.

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    • Liebe Helga, danke für deine Rückmeldung. Ich habe fest vor regelmäßig Berichte zu schreiben und wenn sie mit-erlebbar-sind freue ich mich sehr. Mit Gruß. Wolfgang.

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  2. Hallo Wolfgang. Ich empfinde den Bericht als eine sehr eindrückliche Schilderung die ich gerne gelesen habe. Die Sprache des Körpers lügt nie – es kommt nur darauf an sie zu verstehen. LG nach Düsseldorf und bis Bald! 🙂

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    • Lieber Lennard,
      ja so ist und darauf kommt es an: die Sprache der Leibkörper-Seele verstehen lernen und das geht nur auf spürende, kontemplative Weise. Der Kopf hat da keinen Zugang.
      Mit liebem Gruß. Wolfgang.

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    • Auf jeden Fall sollten wir die Sprache unseres LeibKörpers wahrnehmen. Das ist schon viel und braucht kontemplative Konzentration, Zeit und Raum um sie zu verstehen und darauf verstehen sich leider nur wenige. Laß dich darauf ein, auf die Kunst der Wahrnehmung . Die LeibKörper-Sprache ist breit gefächert: Vom Schmerz bis zur Ahnung, Inspiration und Assoziation, von der Irritation bis zur Psychose reicht sie ja. Danke, lieber Lennard. Herzlich. Wolfgang.

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  3. Beeindruckender Bericht, wird so deutlich, was der Körper an tiefen Wünschen und Gefühlen zum Ausdruck bringen kann und dann umsetzen—Klasse!!!!
    Liebe Grüße nach Düsseldorf

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    • Danke, liebe Ursula, ja es ist wohl so, das zu uns individuell sprechende Geheimnis spricht zu uns vor allem durch den Leibkörper. Mit Gruß. Wolfgang.

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    • Ja, der Körper, besser noch: der LeibKörper als unser transzendierendes Sinnesorgan ist unendlich weise und unermüdlich meditiert es unsere Wandlung, unser Vorwärtskommen auf dem WEG. Aaaaaaber – wir müssen Zeit und Raum geben um mit ihm in einen schöpferischen Dialog zu kommen. Immer wieder geht es ja um das eigenleibliche Spüren. Aus dem Spüren wird dann die Spur die uns auf den Weg führt. Liebe Ursula hab Dank und Bis bald. Wolfgang.

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    • Liebe Renate, das freut mich sehr, das mein Beispiel dich berührt hat. Weitere Beispiele aus meiner Methode Slow Acting folgen bald.
      Mit herzlichem Gruß.
      Wolfgang.

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