Dies und jenes über Gebärden

An dieser Stelle werde ich einige Male über Sinn und Zweck von Gebärden und vom schöpferischen Umgang mit ihnen berichten. Heute eine Kurzfassung mit der ich den Lesern gleichzeitig eine gute und sinnliche Osterzeit wünsche.

‚Du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck‘.

Was E. Barlach hier ausdrückt habe ich schon früh erfahren. Nämlich die Bedeutung von Gebärden und welche erlösende und wandelnde Wirkung sie erzeugen können. In meiner Kindheit stellten sich Gebärden immer wieder spontan ein. Mir blieb dann nichts anderes als sie zu verkörpern und in ihnen zu verweilen; gehend stehend laufend. Und es lohnte sich immer da sie mein Gemüt befreiten. Was da geschah mit mir und in mir verwunderte mich, entsetzte mich auch. Ich erlebte, das die Gebärden, und die Stimme welche die Anweisung gab, aus anderem Raum, aus einer anderen Welt kommen. Diese wurde von mir immer schon als wahr und ernst genommen.

Später ergab sich dieses Geschehen auch während einiger Vorstellungen auf der Bühne. Spontan erschienen die Gebärden, mischten sich ein und erfüllten mich mit wunderbarer Präsenz. Mein innerer und der äußere Raum weiteten sich zum prallen Leben hin. Was für ein Gewinn!

Unfassbar dieses Erleben, durch das Zulassen von Gebärden, in einem größeren Leben zu Sein, aus ihm heraus zu spielen, zu handeln, zu wirken. Und immer wenn ich, als wäre es das erste Mal, die sich gleichsam von Selbst gebärdenden Hände staunend in den sich ausdehnenden Raum, in einer Art von Überbewusstheit, zeigend wahrnahm erlebte ich mich neu, anders werdend. Was für eine Wohltat.

Doch waren solche magischen Erfahrungen nicht neu. Sie gehörten ja bereits zum Anfang meines Lebens dazu. Das verwundert mich bis heute. Immer noch sind sie für mich, das Ziel der meisten meiner Übungen. Das für-Wahrnehmen jener geheimnisvollen Selbstgestaltung die in seelischen Tiefen geschieht steigert die Lebensqualität und führt zu wahrer Spiel- und Lebensbereitschaft.

Es sind universale Gebärden die solches bewirken

Die Bezeichnung wirken ist eine Ableitung von Werk.

Die universalen Gebärden lassen die Seele weit werden und geben gleichzeitig ihren Inhalten körperliche Fassung und Gestalt. Sie sind ein vermittelndes Element für das Gelingen des Großen Werkes. Das sind wir Selbst in unserer Tiefe als homo ludens: spielender Mensch.

Einige Wurzeln von Schauspiel als Weg reichen bis in die kultischen, initiatischen und schamanischen Bereiche des ursprünglichen Theaters hinein. Gebärde und Maske  gehören schon früh mit dazu. Im antiken Theater z. B. musste der Schauspieler seine Figur durch große Gebärden in den Ausdruck bringen. Denn sein Mienenspiel war durch die Maske verdeckt. Auch viele Philosophen und Redner erlernten die Cheironomia, die Kunst der Gebärde. Nun ein kleines Beispiel, passend zum Kalender:

Eine Ostergeschichte

Am Abend des Ostersonntags gehen zwei Jünger Jesu von Jerusalem nach Emmaus. Jesus gesellt sich zu ihnen.

Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.

Traurig, enttäuscht und voller Zweifel berichten sie ihm von der Kreuzigung und dem leeren Grab. Wieder erzählt Jesus, was bei Mose und allen Propheten über den Christus gesagt wurde.Vergebens. Die Jünger erkennen ihn nicht, weil sie seine Verwandlung am dritten Tage nicht für möglich halten. Als sie, nach fast zwei Stunden Weges, einkehren wollen, bitten sie Jesus:

Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.

Und es geschah, da er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, da erst erkannten sie ihn. Und er verschwand.

Nicht die Worte, nicht die leibliche Anwesenheit des Auferstandenen hatten vermocht, dass ihre Augen geöffnet wurden, sondern einzig seine prägnante Gebärde. An ihr erkennen sie, was sie vorher gespürt hatten:

Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete? Luk. 24, 13ff.

Karfreitag 2016. Mit Gruß. Wolfgang Keuter

 

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